Hightech im Gehirn

Die Neurologie steht vor einer Revolution: Künstliche Intelligenz (KI), Big Data und digitale Diagnostik verändern nicht nur, was Ärzte heute über das Gehirn wissen können, sondern auch wie sie behandeln. Das betonte die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) beim Pressegespräch zur Jahrestagung 2026 in Villach. Unter dem Motto „Neurologie zwischen Hightech und Empathie“ wird klar, dass KI schon längst nicht mehr Zukunftsmusik, sondern medizinische Realität ist und tiefgreifende Folgen für Patienten und Fachpersonal hat.

KI als Wendepunkt
Traditionell stützte sich die neurologische Diagnostik auf Befragung, klinische Untersuchung und bildgebende Verfahren. Heute werden diese Elemente ergänzt durch algorithmenbasierte Systeme, die enorme Datenmengen analysieren und Muster erkennen, die dem menschlichen Auge oft verborgen bleiben. KI kann dabei helfen, Diagnosen schneller und präziser zu stellen, individuelle Prognosen zu erstellen und Therapien passgenau auf einzelne Patientinnen und Patienten zuzuschneiden.

Ein konkretes Beispiel: In der Steiermark wurde gemeinsam mit der Universitätsklinik für Neurologie Graz und der Neuroradiologie das KI-Tool RAPID-AI flächendeckend eingeführt. Diese Software wertet MRT- und CCT-Scans automatisch aus und liefert rund um die Uhr eine standardisierte Entscheidungsgrundlage, etwa zur Frage, welche Patienten von einer Thrombektomie (dem Entfernen eines Gefäßverschlusses im Gehirn) profitieren. Dadurch können medizinische Teams schneller und zielgerichteter handeln.

Mensch bleibt unverzichtbar
Trotz aller technischen Fortschritte betonen Experten, dass KI keine ärztliche Entscheidung ersetzen kann. Es besteht die berechtigte Sorge, dass KI-Modelle „halluzinieren“, also falsche oder irreführende Ergebnisse liefern können, wenn sie nicht richtig überwacht werden. Gleichzeitig wird klar: Moderne Medizin wird künftig kaum mehr ohne KI auskommen.
Ein zentrales Thema der Diskussion war daher die Veränderung der ärztlichen Rolle: Erfahrung, Verantwortung und Empathie rücken noch stärker in den Mittelpunkt, gerade dort, wo KI-Systeme an Grenzen stoßen oder ethische Entscheidungen gefragt sind.

Prävention
Die ÖGN weist auch auf die große gesellschaftliche Bedeutung neurologischer Erkrankungen hin: In Österreich erleiden jährlich etwa 20.000 Menschen einen Schlaganfall und rund 170.000 Menschen leben mit einer Demenz. Die neurologische Krankheitslast belastet nicht nur Betroffene und Angehörige, sondern auch Gesundheitssysteme stark.
Vor diesem Hintergrund sieht die Fachgesellschaft in Prävention den vielleicht größten Hebel: Mit entsprechendem Lebensstil könnten bis zu 80 % aller Schlaganfälle und bis zu 45 % der Demenzen verhindert oder verzögert werden.

4. März 2026